Klimafitter Wald
Worauf es bei der Aufforstung heute ankommt
Was heute gesetzt wird, muss mit dem Wetter der nächsten Jahrzehnte zurechtkommen – nicht mit dem der letzten. Das ist keine Frage der Baumartenliste, sondern der Methode.
Kurz zusammengefasst
- „Klimafit“ ist keine Baumartenliste, sondern eine Methode: erst den Standort lesen, dann entscheiden.
- Mischung schlägt Monokultur – nicht wegen der Optik, sondern wegen der Risikoverteilung.
- Die Pflanzung ist der kleinere Teil der Arbeit. Die Pflege in den ersten Jahren entscheidet.
- Naturverjüngung nutzen, wo sie das Richtige liefert. Pflanzen, wo sie es nicht tut.
- Wer heute aufforstet, trifft eine Entscheidung für Jahrzehnte. Sie hält länger als jede Modeerscheinung.
Was „klimafit“ eigentlich heißt
Das Wort ist inzwischen überall, und es wird oft so benutzt, als gäbe es eine Liste von drei Baumarten, die man einfach setzt und dann passt es. So funktioniert es nicht. Klimafit heißt schlicht: Der Bestand soll mit Bedingungen zurechtkommen, die wir noch nicht genau kennen – längere Trockenphasen, heftigere Niederschläge, mildere Winter, mehr Extreme in beide Richtungen.
Und weil man nicht genau weiß, was kommt, ist die einzig ehrliche Strategie: nicht alles auf eine Karte setzen. Das ist der ganze Kern. Alles Weitere ist die Frage, wie man das auf einer konkreten Fläche umsetzt.
Schritt 1: den Standort lesen
Bevor überhaupt über Baumarten geredet wird, wird die Fläche angeschaut. Nicht die Region, nicht der Bezirk – die Fläche. Zwei Hänge im selben Tal können völlig unterschiedliche Standorte sein. Worauf es ankommt:
- Boden
- Wie tiefgründig ist er, wie viel kann er speichern, wie steht es um die Durchwurzelbarkeit? Ein tiefgründiger, lehmiger Boden puffert eine Trockenphase weg. Ein flachgründiger Boden über Fels tut das nicht – dort entscheidet sich ein trockener Sommer früher.
- Exposition und Hangneigung
- Ein Südhang bekommt deutlich mehr Sonne und trocknet schneller aus als ein Nordhang. Steilheit beeinflusst außerdem, wie viel Niederschlag überhaupt versickert und wie viel oberflächlich abläuft.
- Wasserverfügbarkeit
- Gibt es Hangwasser, staut sich Nässe, oder ist die Fläche ausschließlich auf den Niederschlag angewiesen? Staunässe ist genauso ein Ausschlusskriterium wie Trockenheit, nur für andere Baumarten.
- Höhenlage und Lokalklima
- Spätfrostlagen, Kaltluftsenken, windexponierte Kuppen – das sind Dinge, die man vor Ort sieht und die auf keiner Karte stehen.
- Was schon da ist
- Der aufschlussreichste Hinweis überhaupt: Was steht auf und neben der Fläche, und wie geht es ihm? Was kommt von selbst nach? Welche Bodenvegetation ist da? Ein Bestand zeigt einem, was der Standort hergibt, wenn man ihn liest.
Schritt 2: mischen, und zwar mit Absicht
Ein Bestand aus einer einzigen Baumart hat ein einziges Risikoprofil. Trifft ihn etwas – ein Schädling, ein Trockenjahr, ein Sturm, ein Nassschneeereignis – trifft es alles gleichzeitig. Eine standortgerechte Mischung verteilt dieses Risiko: Was der einen Art zusetzt, lässt die andere oft kalt.
Mischung heißt aber nicht, möglichst viele Arten wahllos einzustreuen. Sie muss zum Standort passen und zueinander. Ein paar Punkte, die in der Praxis zählen:
- Laub- und Nadelholz kombinieren, wo der Standort beides zulässt. Das wirkt sich auch auf den Boden aus – Laubstreu verbessert die Humusbildung.
- Unterschiedliche Wurzelsysteme. Tief- und Flachwurzler nebeneinander nutzen verschiedene Bodenschichten und geben dem Bestand mehr Standfestigkeit.
- Wachstumsgeschwindigkeit mitdenken. Wenn eine Art die andere in zehn Jahren überwächst, war die Mischung nur auf dem Papier eine. Das steuert man über die Anordnung – gruppen- oder truppweise statt Baum für Baum im Wechsel – und später über die Pflege.
- Herkunft beachten. Nicht nur die Art zählt, sondern auch, woher das Pflanzgut stammt. Vermehrungsgut aus passender Herkunft ist an ähnliche Bedingungen angepasst; forstliches Vermehrungsgut ist in Österreich gesetzlich geregelt, und ein seriöser Forstgarten weist die Herkunft aus.
Welche Arten am Ende auf Ihrer Fläche sinnvoll sind, lässt sich seriös nicht pauschal beantworten und schon gar nicht über eine Website. Das ergibt sich aus Schritt 1.
Schritt 3: Naturverjüngung nutzen, wo sie taugt
Der beste Baum ist oft der, der von selbst kommt: Er stammt aus dem Bestand, ist an den Standort angepasst und hat ein ungestörtes Wurzelsystem – ein echter Vorteil gegenüber jeder gepflanzten Pflanze. Naturverjüngung kostet außerdem nichts außer der richtigen Lichtsteuerung.
Sie hat aber zwei Grenzen. Erstens braucht sie Zeit und den passenden Lichteinfall – das ist Arbeit an der Krone, nicht am Boden. Zweitens liefert sie nur das, was schon da ist. Wenn der Altbestand aus genau den Arten besteht, die auf diesem Standort in Zukunft Probleme bekommen, hilft es nicht, dieselben Arten nachwachsen zu lassen. Dann wird gepflanzt oder ergänzt.
In der Praxis ist es meistens beides: Naturverjüngung dort nutzen, wo sie das Richtige liefert, und gezielt ergänzen, wo etwas fehlt. Der Zusammenhang zwischen Licht, Boden und Verjüngung steht ausführlicher im Beitrag Ökosystem Wald.
Schritt 4: die ersten Jahre – hier entscheidet es sich
Der häufigste Irrtum bei einer Aufforstung ist, dass mit dem Setzen die Arbeit getan wäre. Tatsächlich ist die Pflanzung der kleinere Teil. Eine Kultur, die gesetzt und dann sich selbst überlassen wird, ist in ein paar Jahren oft nicht mehr da – und dann war das ganze Geld umsonst.
- Sorgfalt bei der Pflanzung. Wurzeln dürfen zwischen Forstgarten und Pflanzloch nicht austrocknen, das Loch muss groß genug sein, die Wurzel darf nicht umgebogen werden. Klingt selbstverständlich, ist aber der Grund für einen großen Teil der Ausfälle.
- Konkurrenzvegetation im Griff behalten. Brombeere, Gras und Adlerfarn nehmen der jungen Pflanze Licht und Wasser und drücken sie im Winter nieder. In den ersten Jahren heißt das: hingehen und ausmähen, so oft wie nötig.
- Verbissschutz dort, wo er nötig ist. Eine Pflanze, die jedes Jahr den Leittrieb verliert, wird nie ein Baum. Ob Einzelschutz, Zaun oder anderes sinnvoll ist, hängt von der Fläche und vom Wilddruck ab – und Schutzmaßnahmen müssen kontrolliert und irgendwann auch wieder entfernt werden.
- Nachbessern statt hoffen. Ausfälle gibt es immer, besonders nach einem trockenen Pflanzjahr. Wer im zweiten Jahr nachbessert, hat einen Bestand. Wer wartet, hat Lücken, die die Konkurrenzvegetation übernimmt.
Und die Durchforstung? Auch die ist klimafit oder eben nicht
Klimafit ist nicht nur eine Frage der Neupflanzung. Im bestehenden Bestand entscheidet die Durchforstung mit: Wem gibt man Platz und Licht? Wenn man konsequent jene Bäume fördert, die auf diesem Standort mit Trockenheit zurechtkommen, gut verankert sind und eine vitale Krone haben, wird ein Bestand über die Jahre stabiler – ganz ohne dass eine einzige Pflanze gesetzt wurde.
Wichtig ist dabei die Dosis. Ein Bestand, der lange dicht stand und dann auf einmal stark aufgelichtet wird, ist anfälliger als vorher: Die einzelnen Stämme haben keine Standfestigkeit entwickelt, der Boden trocknet aus, und der nächste Sturm findet Angriffsfläche. Lieber früher beginnen und maßvoll eingreifen als spät und radikal.
Was man besser nicht macht
- Eine Art auf der ganzen Fläche, weil sie gerade als Lösung gilt. Genau so sind die Probleme entstanden, die wir heute reparieren.
- Nach Ertragserwartung entscheiden statt nach Standort. Ein Baum, der auf der Fläche nicht alt wird, bringt gar keinen Ertrag.
- Exoten ohne Not. Es gibt Situationen, in denen eine ergänzende Art Sinn hat – aber sie ersetzt keine standortgerechte Mischung, und ihr Verhalten über Jahrzehnte kennt hier niemand wirklich.
- Pflanzen und wegschauen. Siehe oben. Das ist der teuerste Fehler.
- Die Fläche „sauber machen“. Reisig, Totholz und Streu halten Feuchtigkeit, schützen junge Pflanzen und bauen Humus auf. Ein aufgeräumter Waldboden ist ein trockener Waldboden.
Realistisch bleiben
Niemand weiß, wie das Wetter in vierzig Jahren aussieht – ich auch nicht, und ich misstraue jedem, der es genau zu wissen behauptet. Was ich sehe, ist die Veränderung auf den Flächen: Die Vegetation ist früher dran und wächst in Schüben, Trockenphasen und Regenperioden lösen einander schärfer ab, und auch beim Wild verschieben sich Gewohnheiten. Was das langfristig heißt, wird man erst wissen.
Genau deshalb ist Mischung keine Modeerscheinung, sondern die vernünftige Antwort auf Nichtwissen. Man verteilt das Risiko, hält sich Optionen offen und schaut regelmäßig nach, statt einmal zu entscheiden und dreißig Jahre nicht mehr hinzugehen.